Unser kleines, stacheliges HausGartentier läuft inzwischen morgens und abends im Hellen durch den Garten, um vor der Winterruhe noch genug Kalorien zu fressen. Der Igel ist so beschäftigt, dass er mich kaum bemerkt. Aber plötzlich bleibt er stehen, hebt die Nase, schnüffelt misstrauig und stellt dann die Stacheln auf. Das putzige kleine Gesicht sieht dann aus, als wolle der Igel bewusst böse und angriffslustig ausschauen.


Letztens kam der Liebste gelaufen, „Schnell, die Briefwaage!“ rief er durchs ganze Haus. Beherzt greift er sich mit Handschuhen den Igel und setzt ihn auf die Waage, 448 Gramm, es ist ein kleines, junges Tier, das müsste (knapp) reichen. Wir geben uns große Mühe, ihm jeden Tag ein abwechslungsreiches Mahl zu bieten, Rührei, Igel-Nass- und Trockenfutter, Katzenfutter. Das Igelhaus mit Moos, Stroh und trockenem Laub, regendicht und katzensicher, ist seit sechs Wochen bezugsfertig. Ach, mein Kleiner, dir soll es an nichts fehlen.
Auch nicht fehlen sollte es an der Vorbereitung auf St. Martins-Kinder, die singen kommen könnten. Das ist bei uns so üblich: Nach dem Martinszug, der mit Pferd und Laternen durchs Viertel geht, wird ein großes Feuer entfacht, und danach klingeln die Kinder mit ihren Laternen an den Häusern, singen Lieder und bekommen dafür Süßigkeiten. In diesem Jahr kam niemand. Wir haben jetzt viel Schokolade für uns.


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Der Arbeitsalltag ist weiterhin fordernd und freudlos. Es muss sich etwas ändern. Es belastet mich auch zunehmend, dass ich eine sehr hohe Verantwortung für einzelne Menschen trage, und dafür ähnlich viel bzw. wenig Geld bekomme, wie jemand, der/die Müllgebührenbescheide verschickt oder beim TÜV Abgasuntersuchungen macht.

Nach einer ruhelosen Arbeitswoche muss ich am Wochenende einen ganzen Tag einer kirchlichen Veranstaltung opfern. Neffe B. lädt zu seiner Firmung ein. Ich sage zu, weil es mich rührt, dass es dem 16-Jährigen so wichtig ist, dass die Großfamilie dabei ist. Nach einer langen Anreise sitzen K. und ich am frühen Sonntagmorgen in einer rattenkalten Kirche, umwabert von dichten Weihrauchschwaden und hören dem Bischof zu, der die Firmlinge auffordert, den Geist Christi in ihr Herz zu lassen. Meine sehr katholische Erziehung führt dazu, dass ich mich aktiv daran hindern muss, alle Rituale mitzuplappern, „der Herr sei mit dir, und mit deinem Geiste“… Die ganze Veranstaltung ist in ihrer altbackenen, streng formalen und schlapp-lauwarmen Form sehr ermüdend. Danach geht es mit 30 Verwandten in ein Restaurant. Neben vielen sehr langweiligen Gesprächen ein erfreulicher Bericht der Schwägerin über den jungen Syrer, den sie 2015 aufgenommen, und der die Familie darauf hin an ihre gutmütigen Grenzen gebracht hat. Er hat inzwischen die Schule abgeschlossen, es besteht noch immer ein guter Kontakt, und der junge Mann fängt an zu weinen, als die behinderte Tochter ihn um ein Familienfoto bittet, weil er doch Teil der Familie sei. Er trägt eine große Dankbarkeit im Herzen, und mich macht das sehr glücklich (und stolz auf meinen Bruder).
Um vier Uhr nachmittags sind K. und ich dann von den Gesprächen und der ganzen Esserei erschöpfter als nach einem langen Arbeitstag. Rückreise mit Stau auf der Autobahn und der Sorge um den kleinen Buchfink. Den hatte ich morgens, kurz vor unserer Abfahrt an der Terrasse entdeckt, wo er aufgeplustert und reglos saß. Keinerlei Fluchtreflexe mehr. In der Nacht der erste Frost, Autoscheiben waren dick vereist. Schnell etwas Futter, gehakte Nüsse, vor den Vogel gestreut und das Beste gehofft. Abends war er nicht mehr da. Entweder die Nachbarskatzen haben in geholt oder er ist wieder aufgetaut.
Und der Garten. Nach sechs Jahren bildet sich so etwas wie ein persönlicher Charakter hervor. Es sind weniger die bunten Blumen, als die Bäume, die hohen Sträucher, Büsche, plötzlich aufgetauchte, ungepflanzte, sich verbindende Flächen, die den Garten prägen. Ich glaube, es wird alles zuwachsen, und es wird alles gut sein.


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Um das Grauen der Nachrichten für ein paar Stunden zu verdrängen, gehen K. und ich durch den Wald, zum Wildgehege. Die alten Kopfbäume prägen den Waldrand. Ab und zu findet man die seltenen Mispeln, in diesem Jahr mit vielen Früchten.


Im kleinen Tierpark begrüßen uns die Hirschkühe, die Eselgruppe schickt einen Kundschafter, der gleich wieder abzieht, als wir keine Leckereinen aus den Taschen zaubern.


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Tja, was gibt es sonst noch zu berichten? Am 9. November bringe ich, wie jedes Jahr, Kerzen auf den Gedenkstein für die zerstörte Synagoge in unserem Viertel. Wie immer, bin ich die einzige, die dort steht und nachdenkt. Nicht alleine sind wir bei der größeren Gedenkveranstaltung am selben Abend in der Nachbarstadt. Der Bürgermeister, die jüdische Gemeinde und die christlichen Kirchen rufen jedes Jahr dazu auf, dem Grauen der Programnacht, dem gewalttätigen Auftakt des unbeschreiblichen Mordens zu gedenken. Es ist viel Polizei und ein privater Sicherheitsdienst vor Ort. Leute zeigen unaufgefordert ihren Personalausweis, werden von Polizisten beschwichtigt, „Nein, nein, sie müssen sich nicht ausweisen“. Die Atmosphäre ist angespannt, es regnet in kalten, windigen Schauern, Angst und Wut und Enttäuschung und Vorwürfe liegen nicht nur in der Luft, sondern werden ausgesprochen. Die Veranstaltung wächst weit über sich hinaus, was ich nicht gutheiße. Es ist schwierig. Trotzdem ist es mir wichtig, dort zu sein, und nicht Zuhause vor dem Fernseher.
Nach einem beruhigenden Glas Wein lese ich in der Berliner Zeitung ein Interview mit Etgar Keret, einem israelischen Schriftsteller:
„Und dann gibt es Leute wie mich, die jetzt das, was sie bisher dachten, einer Überprüfung unterziehen. Wenn man dabei wie ein menschliches Wesen vorgeht, wird es sehr kompliziert. Nur wenn man sich an eine Ideologie klammert, ist es einfach. Ich hasse die Begriffe pro-israelisch und pro-palästinensisch.“
„Es ist eigentlich ganz einfach: Ich verstehe nicht, was los ist, und Sie verstehen es erst recht nicht. Und ich lebe hier seit 56 Jahren.“
„Wenn ich nackt mit einer Flasche Wasser auf dem Rücken zum Krankenhaus in Gaza laufen dürfte, würde ich das tun. Mir ist es egal, wie ich dabei aussehe. Ich will nur, dass man sich der Komplexität des Problems bewusst ist. Ich wünsche mir, dass so viel mehr Menschen sagen, dass sie es nicht verstehen.“
„Das Wichtigste ist, Menschen zu unterstützen, die Brückenbauer sind. Meine israelisch-arabischen Freunde in Israel haben jetzt Angst, zur Arbeit zu gehen, weil sie fürchten, die Leute könnten sie für Hamas-Sympathisanten halten. Ausgerechnet die, die uns am meisten Hoffnung geben könnten, sind am verstörtesten. Wenn man heute einen Post macht, in dem man schreibt, dass man um alle Menschen im Nahen Ost weint, wird man in Stücke gerissen. Von jeder Seite wird es heißen: „Wie kann man das vergleichen, du Stück Scheiße?!“ Wenn man etwas Menschliches sagt.“
Ich habe eine große Liebe für diesen Mann.







































































