volle Tage

Unser kleines, stacheliges HausGartentier läuft inzwischen morgens und abends im Hellen durch den Garten, um vor der Winterruhe noch genug Kalorien zu fressen. Der Igel ist so beschäftigt, dass er mich kaum bemerkt. Aber plötzlich bleibt er stehen, hebt die Nase, schnüffelt misstrauig und stellt dann die Stacheln auf. Das putzige kleine Gesicht sieht dann aus, als wolle der Igel bewusst böse und angriffslustig ausschauen.

Letztens kam der Liebste gelaufen, „Schnell, die Briefwaage!“ rief er durchs ganze Haus. Beherzt greift er sich mit Handschuhen den Igel und setzt ihn auf die Waage, 448 Gramm, es ist ein kleines, junges Tier, das müsste (knapp) reichen. Wir geben uns große Mühe, ihm jeden Tag ein abwechslungsreiches Mahl zu bieten, Rührei, Igel-Nass- und Trockenfutter, Katzenfutter. Das Igelhaus mit Moos, Stroh und trockenem Laub, regendicht und katzensicher, ist seit sechs Wochen bezugsfertig. Ach, mein Kleiner, dir soll es an nichts fehlen.
Auch nicht fehlen sollte es an der Vorbereitung auf St. Martins-Kinder, die singen kommen könnten. Das ist bei uns so üblich: Nach dem Martinszug, der mit Pferd und Laternen durchs Viertel geht, wird ein großes Feuer entfacht, und danach klingeln die Kinder mit ihren Laternen an den Häusern, singen Lieder und bekommen dafür Süßigkeiten. In diesem Jahr kam niemand. Wir haben jetzt viel Schokolade für uns.

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Der Arbeitsalltag ist weiterhin fordernd und freudlos. Es muss sich etwas ändern. Es belastet mich auch zunehmend, dass ich eine sehr hohe Verantwortung für einzelne Menschen trage, und dafür ähnlich viel bzw. wenig Geld bekomme, wie jemand, der/die Müllgebührenbescheide verschickt oder beim TÜV Abgasuntersuchungen macht.

Nach einer ruhelosen Arbeitswoche muss ich am Wochenende einen ganzen Tag einer kirchlichen Veranstaltung opfern. Neffe B. lädt zu seiner Firmung ein. Ich sage zu, weil es mich rührt, dass es dem 16-Jährigen so wichtig ist, dass die Großfamilie dabei ist. Nach einer langen Anreise sitzen K. und ich am frühen Sonntagmorgen in einer rattenkalten Kirche, umwabert von dichten Weihrauchschwaden und hören dem Bischof zu, der die Firmlinge auffordert, den Geist Christi in ihr Herz zu lassen. Meine sehr katholische Erziehung führt dazu, dass ich mich aktiv daran hindern muss, alle Rituale mitzuplappern, „der Herr sei mit dir, und mit deinem Geiste“… Die ganze Veranstaltung ist in ihrer altbackenen, streng formalen und schlapp-lauwarmen Form sehr ermüdend. Danach geht es mit 30 Verwandten in ein Restaurant. Neben vielen sehr langweiligen Gesprächen ein erfreulicher Bericht der Schwägerin über den jungen Syrer, den sie 2015 aufgenommen, und der die Familie darauf hin an ihre gutmütigen Grenzen gebracht hat. Er hat inzwischen die Schule abgeschlossen, es besteht noch immer ein guter Kontakt, und der junge Mann fängt an zu weinen, als die behinderte Tochter ihn um ein Familienfoto bittet, weil er doch Teil der Familie sei. Er trägt eine große Dankbarkeit im Herzen, und mich macht das sehr glücklich (und stolz auf meinen Bruder).
Um vier Uhr nachmittags sind K. und ich dann von den Gesprächen und der ganzen Esserei erschöpfter als nach einem langen Arbeitstag. Rückreise mit Stau auf der Autobahn und der Sorge um den kleinen Buchfink. Den hatte ich morgens, kurz vor unserer Abfahrt an der Terrasse entdeckt, wo er aufgeplustert und reglos saß. Keinerlei Fluchtreflexe mehr. In der Nacht der erste Frost, Autoscheiben waren dick vereist. Schnell etwas Futter, gehakte Nüsse, vor den Vogel gestreut und das Beste gehofft. Abends war er nicht mehr da. Entweder die Nachbarskatzen haben in geholt oder er ist wieder aufgetaut.

Und der Garten. Nach sechs Jahren bildet sich so etwas wie ein persönlicher Charakter hervor. Es sind weniger die bunten Blumen, als die Bäume, die hohen Sträucher, Büsche, plötzlich aufgetauchte, ungepflanzte, sich verbindende Flächen, die den Garten prägen. Ich glaube, es wird alles zuwachsen, und es wird alles gut sein.

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Um das Grauen der Nachrichten für ein paar Stunden zu verdrängen, gehen K. und ich durch den Wald, zum Wildgehege. Die alten Kopfbäume prägen den Waldrand. Ab und zu findet man die seltenen Mispeln, in diesem Jahr mit vielen Früchten.

Im kleinen Tierpark begrüßen uns die Hirschkühe, die Eselgruppe schickt einen Kundschafter, der gleich wieder abzieht, als wir keine Leckereinen aus den Taschen zaubern.

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Tja, was gibt es sonst noch zu berichten? Am 9. November bringe ich, wie jedes Jahr, Kerzen auf den Gedenkstein für die zerstörte Synagoge in unserem Viertel. Wie immer, bin ich die einzige, die dort steht und nachdenkt. Nicht alleine sind wir bei der größeren Gedenkveranstaltung am selben Abend in der Nachbarstadt. Der Bürgermeister, die jüdische Gemeinde und die christlichen Kirchen rufen jedes Jahr dazu auf, dem Grauen der Programnacht, dem gewalttätigen Auftakt des unbeschreiblichen Mordens zu gedenken. Es ist viel Polizei und ein privater Sicherheitsdienst vor Ort. Leute zeigen unaufgefordert ihren Personalausweis, werden von Polizisten beschwichtigt, „Nein, nein, sie müssen sich nicht ausweisen“. Die Atmosphäre ist angespannt, es regnet in kalten, windigen Schauern, Angst und Wut und Enttäuschung und Vorwürfe liegen nicht nur in der Luft, sondern werden ausgesprochen. Die Veranstaltung wächst weit über sich hinaus, was ich nicht gutheiße. Es ist schwierig. Trotzdem ist es mir wichtig, dort zu sein, und nicht Zuhause vor dem Fernseher.

Nach einem beruhigenden Glas Wein lese ich in der Berliner Zeitung ein Interview mit Etgar Keret, einem israelischen Schriftsteller:

„Und dann gibt es Leute wie mich, die jetzt das, was sie bisher dachten, einer Überprüfung unterziehen. Wenn man dabei wie ein menschliches Wesen vorgeht, wird es sehr kompliziert. Nur wenn man sich an eine Ideologie klammert, ist es einfach. Ich hasse die Begriffe pro-israelisch und pro-palästinensisch.“

„Es ist eigentlich ganz einfach: Ich verstehe nicht, was los ist, und Sie verstehen es erst recht nicht. Und ich lebe hier seit 56 Jahren.“

„Wenn ich nackt mit einer Flasche Wasser auf dem Rücken zum Krankenhaus in Gaza laufen dürfte, würde ich das tun. Mir ist es egal, wie ich dabei aussehe. Ich will nur, dass man sich der Komplexität des Problems bewusst ist. Ich wünsche mir, dass so viel mehr Menschen sagen, dass sie es nicht verstehen.“

„Das Wichtigste ist, Menschen zu unterstützen, die Brückenbauer sind. Meine israelisch-arabischen Freunde in Israel haben jetzt Angst, zur Arbeit zu gehen, weil sie fürchten, die Leute könnten sie für Hamas-Sympathisanten halten. Ausgerechnet die, die uns am meisten Hoffnung geben könnten, sind am verstörtesten. Wenn man heute einen Post macht, in dem man schreibt, dass man um alle Menschen im Nahen Ost weint, wird man in Stücke gerissen. Von jeder Seite wird es heißen: „Wie kann man das vergleichen, du Stück Scheiße?!“ Wenn man etwas Menschliches sagt.“

Ich habe eine große Liebe für diesen Mann.

die Herbstsonne durch die Ohren scheinen lassen

Die Gleichgültigkeit der Natur den Weltereignissen gegenüber ist gut und tröstlich. Davon lernen, bitte. Lernen, ein Spinnennetz zu weben, hin und her und hin und her. Und dann in diesem elastischen Meisterwerk sitzen und auf ein Stück Apfelkuchen warten, das sich unverhofft darin verfängt, im Nebel. Das wäre was.

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Oder eine Grasdiät starten, seinen Platz unter den Schafen finden, sich nicht an den Kletten stören, die sich im Fell verfangen, oder an ein bisschen Nieselregen, ab und zu mal ins Tal blöken, ansonsten die Ruhe bewahren und die Herbstsonne durch die Ohren scheinen lassen.

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Für alternative Lebensentwürfe dieser Art sind sowohl der Liebste als auch ich zu ängstlich. Uns regt es schon auf, am Schreibtisch durchzuspielen, wie bald wir uns von der Erwerbsarbeit verabschieden könne. Bei K. sind die Würfel nun gefallen, ich habe theoretisch noch sechseinhalb Jahre. Aber mit etwas Einschränkung und Verzicht, unter Einsatz von finanziellen Rücklagen, wäre ein stufenweiser Ausstieg, eine deutliche Reduktion, also mehr Freiheit, mehr Zeit, mehr Muße möglich, schon sehr bald. Es sträubt sich noch alles in mir, meine Ersparnisse anzubrechen, aufzubrauchen, weil ich zu faul zum arbeiten bin (Stimme der Eltern, auch aus ihrem Grab deutlich hörbar). Darüber weiter nachdenken. Und mutig sein.

Die eigene Zaghaftigkeit durch Aktionismus vertreiben. Einkauf in Belgien, dem Land der Schokolade, des guten Kaffees und der gesalzenen Butter. Neben dem Supermarkt werden noch andere Spezialitäten angepriesen, die wir aber nicht kaufen.

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Gegen Abend dann schnell noch in den Wald. Vielleicht ja auch ein Baum werden. Sich keine Gedanken mehr darüber machen müssen, wo man hingeht, sondern einfach herumstehen, an einem See zum Beispiel. Bis man umfällt. Oder gefällt wird. Kommt mir eine Geschichte von meinem Großonkel Nickel in den Sinn. Er war viel im Wald und hat dort Bäume gefällt, mit einer Motorsäge. „Musst du immer genau hinhören“ hat er gesagt. „Manchmal klingt das plötzlich anders, scharf, dann muss du sofort aufhören. Dann ist da ein Splitter im Stamm, aus dem Krieg, Metall, das schlägt dir die Säge aus der Hand, das ist sehr gefährlich“.

in Liebe

A pause tells very much where you want to go, and
very much, where you come from.
(Manfred Eicher)

Wacholderdrossel im Regen, fotografiert von K., meinem liebsten Menschen, meinem Gefährten, meinem Anker in der Welt. Große Dankbarkeit.

Ich will nicht herumjammern, aber diese Dankbarkeit, und der Trost, der vom Regen, von der Wacholderdrossel und von K. ausgehen, wiegt mich in einer Sicherheit, die nicht trügt.

Und sonst? Musik vielleicht. Am vergangenen Wochenende fahren wir mit unseren alten Freunden B. und H. ins Kino im Nachbardorf. Ein schönes, sehr altes Kino. Mit Leidenschaft betrieben von Familie R., die Karten verkauft, den Film startet und im Anschluss an die Vorführung oft noch Gespräche oder Konzerte organisiert. An diesem Abend zeigen sie „Music for Black Pigeons“ (mit Jazz-Konzert im Anschluss). Schon in Berlin hatten wir Plakate für den Film gesehen. Ahnungslos lassen wir uns überraschen – und sind alle vier hingerissen. Besonders ans Herz geht mir der junge Bass-Spieler Thomas Morgan. Wie soll ich das beschreiben, was am Ende hängen bleibt? Ich scheue mich, es so zu sagen, wie es mir in den Kopf kommt. Alte und junge Menschen machen zusammen Musik, sie tun das in Liebe, fürsorglich, wach, mit Begeisterung, in einer intimen, unmittelbaren Kommunikation, und mit einem gelingenden Selbstverständnis, das die Welt so nötig braucht. Modern Creative nennt man die Musikrichtung wohl, lese ich später, mir ist das gleichgültig. Glückvoll stehen wir nach der Vorstellung im Gang herum, erzählen uns gegenseitig Szenen, die uns besonders berührt haben. Leicht und beschenkt fahren wir durch die Nacht nach Hause – immer damit rechnend, dass plötzlich ein Reh auf die Straße springt.

There’s also music that sustains a balance between
stasis and change and makes you feel more connected to
something beyond your individual experience.
(Thomas Morgan)

klein, widersprüchlich, zaghaft

Das Alltagsleben, Geldverdienen in der Freiberuflichkeit und der ganze Rest, überdrehen ins Absurde. Der Liebste stolpert ins Rentnerdasein, die daraus resultierenden Anpassungsstörungen befeuern seine Migräne, die der Grund für seinen Rückzug ins Private sind. Ich selbst werde am Telefon unleidlich und schroff. Ich kann mich selbst nicht leiden. Die Klienten haben ein dickes Fell, die umschiffen meine Launen und rufen mich sofort an, wenn die Gabi gestorben ist, dat Jaabi is tot, die Nachbarin, die auch immer die Wäsche gewaschen hat, einfach tot ist die, in nur zwei Wochen, Kräbbs.

Ich kaufe einen grünen Hosenanzug. Was will ich mit einem grünen Hosenanzug?

Freitagmittag, bevor die Briefträgerin neue Aufgaben bringt, packen wir das Auto und fahren aufs Land. Dort regnet es ununterbrochen. Aber egal. Hier kann ich mir wenigstens erlauben, Löcher in die Luft zu starren.

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Fassungslos lese ich woanders, was mir nach dem letzten Blogeintrag unterstellt wird. Immer stiller versuche ich, die Bilder auszuhalten, die mir zwischen den Ohren wachsen. Zerbombte, durchwühlte Städte, Häuser, in denen alle privaten Dinge offen herumliegen, Blut, verletzte, schreiende, tote Menschen. Unvorstellbare Angst überall. Eine maximale Unruhe, in jeder Hinsicht, eine schlaflose, bittere Unruhe, die sich über Generationen mit heißem Hass vermischt in die Familien fressen wird.

Ich fühle mich gedrängt, geschoben, genötigt, meine Hände vom Kopf zu nehmen und endlich mal, wie ein Mann, klar zu denken und nach vorne zu handeln, dieser Gewaltlogik zu folgen, die ich ja nicht abwegig finde, und doch habe ich zu viel dazu gelesen, wie genau dieser Referenzrahmen einer allgemeinen Verrohung Tür und Tor öffnet, auch und schrecklicherweise bei denen, die aus einer legitimen und nachvollziehbaren Weise reagieren, sich verteidigen. Ich kann diese Gewaltlogik nicht denken, ohne körperlich an den tausend Bildern zu leiden, die die Konsequenz daraus sind. Ich will meine Hoffnung nicht auf solche Bilder setzen müssen, weil nur dadurch alles wieder gut wird.

Da ich hier keine Rede vor der UN-Vollversammlung halte, hatte ich nicht damit gerechnet, dass auch von mir Bekenntnisse verlangt werden, weil sich gerade irgendwie alle in zwei Lager teilen, wie Fußballfans ihre Fahnen schwingen, und mit ihrer Sicht der Dinge auf andere Leute eindreschen, immer alles besser wissen, die Anderen kopfschüttelnd als strohdumm darstellen. Zweifel scheint niemand zu haben. Wie auch immer: Das Existenzrecht Israels steht für mich außerhalb jeder Diskussion und ich wünsche jedem Menschen dort ein langes, glückvolles Leben (beschämend, das hier sagen zu müssen…). Der barbarische Überfall, das Morden und die Entführungen der Hamas am 7. Oktober sind durch nichts zu rechtfertigen. Was die Beurteilung der Situation angeht, konnte ich einer kleinen Zusammenfassung in den letzten Tagen gut folgen, von Antje Schrupp:

„Hamas hat nicht 200 Geiseln in ihrer Gewalt, sondern 2 Millionen. Das Leiden der palästinensischen Bevölkerung ist aus Sicht von Hamas nicht ein unerwünschter Kollateralschaden (wie aus israelischer, was schlimm genug ist), sondern der eigentliche Zweck des Terroranschlags.
Ich bin auch dafür und hoffe sehr, dass Israel jetzt die Rettung von Menschenleben in Gaza höher gewichtet als die eigenen Sicherheitsinteressen. Aber die Verantwortung für das Leid dieser Menschen trägt in aller erster Linie die Hamas (die ja auch in der Hand hätte, es zu beenden).
Das heißt, wie gesagt, nicht, dass alles, was Israel tut oder in der Vergangenheit getan hat, richtig und klug war. Ganz und gar nicht. Aber Hamas WILL, dass Palästinenser*innen leiden und sterben. Das ist ihr PR-Ansatz. Und das macht sie und ihre Strategie so verachtungswürdig“.

Und doch kann eine solche politische Einschätzung nicht alles sein. Es muss neben einer politisch-historischen Analyse, neben nationalstaatlichen Entscheidungen und Handlungen etwas geben, das über dieses Ich-habe-Recht-und-du-nicht hinausgeht. Das kann gerne klein sein, widersprüchlich, zaghaft. Es hat so viele Initiativen, Vereine, Künstlergruppen, Menschenrechtsorganisationen, Friedensaktivisten, Orchester, in denen Israelis und Palästinenser sich die Hand gegeben haben. Denen möchte ich auch meine Solidarität aussprechen, gerade jetzt.

count your blessings

Der Liebste hört ein Album von Emahoy Tsegué-Maryam Guèbrou, einer äthiopischen Nonne, Pianistin und Sängerin. Jerusalem heißt es, und steht mit seiner ruhigen, schönen Musik im harten Kontrast zu allem, was in diesen Tagen aus Jerusalem und Umgebung zu hören ist.

Das Herz möchte einem stehen bleiben, diese Gewalt, die existenzieller nicht sein könnte. Stunden, Tage, Doktorarbeiten könnte man damit verbringen, etwas zu erklären, ohne es entschuldigen zu wollen. Und doch scheint es nur noch ein jetzt zu geben, ein unerträgliches jetzt, Hass und Wut, wie kann man nur, Menschen wahllos auf einem Musikfestival erschließen, entführen, und dann ebenso wahllos zurück feuern, „they are animals“ sagen beide Seiten, und so geht es weiter, den Gegner entmenschlichen, dann auslöschen, und dann ist Ruhe, bis dessen Kinder und Kindeskinder groß genug sind, ihren Hass in Waffen zu fassen.

Ein kluger Kommentar im Guardian erinnert an die Genfer Konventionen: „No set of crimes justifies another. There are no excuses in war or ethics for crimes against humanity. There is never a legal reason to attack one person for the crimes of another, to confuse a people with their government or with the armed forces that claim to defend them, on either side of any conflict. The attempts by people on both sides to justify such crimes are as feeble as they are cruel“.

Um mich auf andere Gedanken zu zwingen, sehe ich Dokumentationen über ein Krankenhaus in New York. Wie viel Zeit, Energie, technisches Wissen, Geld und auch Empathie und Zuneigung in die medizinische Behandlung von Menschen gesteckt wird. Wie großartig das alles funktioniert, meist ohne Ansehen der Person. Mit brennender Geduld wir auf die Spenderleber gewartet, jede Minute zählt, das Team steht bereit, Faser um Faser, Ader für Ader wird das neue Organ in die Frau genäht, ein unfassbares Wunder, dass so etwas überhaupt funktioniert. Und mit der gleichen Präzision, mit dem gleichen Engagement und mit einem vergleichbaren Aufwand werden an anderen Orten Menschen erschossen, mit Sprengstoff zerfetzt, in dunkelster Nacht lokalisiert, und dann wird ihnen ihr Leben genommen. Einfach so. Und alle glauben an einen gerechten Gott.

Ich weiß, wie bar jeder abgeklärten Erwachsenenrealität so eine Sichtweise ist. Der Chor ist groß und unüberhörbar, der ruft: „Als ich jung, naiv und noch nicht lebensweise war, habe ich auch im Bonner Hofgarten für Abrüstung demonstriert, den Kriegsdienst verweigert. So Teenager-Dummheiten halt“ (was lernen die jungen Klima-Demostrant:innen daraus?).

Anyway. Wo war ich stehen geblieben? Berlin.

Die Stadt als lebender Organismus saugt einem jede Kraft aus den Knochen, wenn man sie lässt. Aber man findet auch immer wieder kleine Oasen, die liebevoller nicht sein könnten. Mitten in Kreuzberg, ich hatte gerade den Fahrer eines Super-SUVs angeknurrt, der „nur zwei Sekunden“ den Gehweg komplett zugeparkt hatte, da stolpern wir in den Hof eines riesigen, wunderschönen Gebäudes.

Ein großartiges Treppenhaus. Das Museum der Dinge ist noch im 3. Stock Zuhause, aber nicht mehr lange. Ein reicher Unbekannter hat das sagenhafte Haus gekauft und alle müssen raus.

In der historischen Sammlungen des Werkbundarchivs (noch zu besichtigen, wird aber teilweise schon eingepackt), entdecke ich die Tür- und Fensterbeschläge, die in unserem Haus angebracht sind (Baujahr 1934). Strahlend vor Begeisterung sehen wir uns alles an, sprechen mit den jungen Leuten an der Kasse (es gibt schon einen neuen Ort!), kaufen den Museumsshop leer.

Ein weiterer kleiner Ruhepunkt in Berlin sind die Spatzen. Ein Phänomen, was ich bisher in keiner anderen Stadt beobachtet habe: Mitten im Trubel, zwischen Autos, Cafés, Menschen und Hunden gibt es immer mal wieder Büsche, die von hunderten Spatzen besiedelt sind. Laut schwatzend sitzen die Vögel dort, veranstalten einen sagenhaften Lärm und kümmern sich um ihre Angelegenheiten. Mehrfach habe ich den Kopf dicht in so einen Busch gesteckt, ein riesiger Spatzenkopfhörersould, eine Wohltat.

Auch die andere in Berlin dauerpräsente Vogelart hat natürlich meine uneingeschränkte Sympathie: Die Nebelkrähen.

Am Montag haben wir dann das Glück, uns den alten Flughafen Tempelhof anschauen zu können, Europas größtes Baudenkmal. Allemal bemerkenswert. Eine geniale Idee ist es, die große Eingangshalle von live gemixter elektronischer Musik beschallen zu lassen.

Mit uns sind viele ältere Berliner:innen dort, fotografieren sich vor dem Gepäckband, auf dem Rollfeld, sagen „weißt du noch“.

Der graue Tag und das seltsam übergroße Gebäude verbreiten eine melancholische Stimmung. Dass an diesem verlassenen Sehnsuchtsort, diesem Stein gewordenen Versprechen von Reisen, Aufbruch, Möglichkeiten, direkt auf dem Rollfeld über 800 Geflüchtete in Containern untergebracht sind, verstärkt diese Stimmung.

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Die Rückfahrt von Berlin in den Westen der Republik mit der Bahn ist dann schlimmer als erwartet. Ich muss im Ruhebereich überdreht-laute, sekttrinkende Frauen ertragen. Und als der massiv verspätete und sagenhaft überfüllte Schienenersatzverkehrsbus von Essen nach Duisburg mit ca. 45 Grad Innentemperatur, irre lauter Lüftung und sich gegenseitig anschreienden Fahrgästen auf der Autobahn im Stau steht, bin kurz davor jegliche Selbstbeherrschung zu verlieren.

Mit Kopfhörern über den Ohren und der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze denke ich an die beruhigenden Berliner Friedhöfe. Wenige Tage später lese ich, dass Patti Smith vor ihrem Konzert in Berlin auch dort war. Das wäre ein schöner Zufall gewesen, sie dort zu treffen.

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Zuhause angekommen wartet viel Arbeit, im Büro, im Garten. Es wird nachts kälter, ich baue schon mal ein Igelhaus auf. Und wie um mich darin zu bekäftigen, sehe ich plötzlich von der Küche aus einen Igel durch den Garten laufen, am hellichten Tag. Ich schaue mir das Tier näher an, es ist eifrig damit beschäftigt im Rasen nach Insekten zu suchen und macht einen guten, gesunden Eindruck. Count your bessings, sage ich zu mir selbst.

Pflanzen, Fotos, Eichhörnchen

Zur Erholung in den Botanischen Garten. Kein Berlinbesuch ohne Botanischen Garten.

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Als Berlinerin hätte ich eine Jahreskarte. Was für ein tröstlicher Ort. Für den eigenen Garten die Notiz „Baumfarne“ gemacht.

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Dann wieder rein in den muffigen Geruch der U-Bahn, Kultur suchen und finden, Fotoausstellung im C/O Berlin im ehemaligen Amerika-Haus. Mary Ellen Mark, warum habe ich von der noch nie etwas gehört?

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Wir staunen uns durch die große Ausstellung, die Fotos sind so gut gehängt, dass man fast keine Reflektionen sieht (lernt daraus, ihr Museen der Welt!), die Auswahl der begleitenden Tagebücher, Filme, Briefwechsel etc. bewegend. Wir verlassen die Räume erfüllt und begeistert, der Weg war nicht zu weit.

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Dann schnell wieder an einen ruhigen Ort, Friedhöfe sind dafür überall auf der Welt geeignet – und siehe da, auch hier Fotos.

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Und eine Friedhofsverwaltung, die ihren Job allumfassend ernst nimmt und Sorge trägt für alle Besucher, auch die vierbeinigen (Ausstiegshilfen für Vögel und Eichhörnchen, die ins Wasser gefallen sind).

if you’re going to play it out of tune, then play it out of tune properly

Dieses schöne Zitat des britischen Musikphilosophen Mark E. Smith passt prima zu Berlin. Hier scheint alles laut, schräg und vor allem öffentlich zu sein. Mir wird in einer gigantischen Form der Überforderung klar, dass und warum ich seit vielen Jahren Großstädte meide. Die Unfähigkeit, Geräusche, visuelle Eindrücke, Geschehnisse auszublenden, führt dazu, dass ich schon am Morgen nach zehn Minuten in der U-Bahn genug erlebt habe für den Tag. Ein riesiges Ölgemälde möchte ich malen von dem Mann mit seinem zarten kleinen Whippet. Die beiden steigen ein, der Hund steht verloren und mit eingeklemmten Schwanz im Gang, offensichtlich sehr unglücklich. Der junge Mann nimmt den Hund auf den Schoß, der Hund ruckelt sich zurecht, entspannt sich, legt seinen Kopf an den Hals des Mannes und schaut während der langen Fahrt aufmerksam auf die anderen Reisenden in der U-Bahn.

Wir haben uns mit Tageskarten ausgestattet und fahren hin und her. Eher ziellos. In einer hippen Markthalle kaufe ich Brot. Wir bleiben vor vielen, vielen Häusern stehen, gehen in die Hinterhöfe. Dankbar nicke ich den Nebelkrähen zu, verteile unauffällig Brotstückchen. Einmal beobachte ich eine Frau, die mit den Krähen spricht. Die Vögel scheinen sie zu kennen. Sie sieht, dass ich sie beobachte. Sie geht weiter, hebt aber im Weggehen ihre Hand und winkt den Vögeln verstohlen zum Abschied. Ich strahle sie an, sie sieht das leider nicht. Die Krähen folgen ihr, rufen, landen auf den Bäumen über ihr. Sie bleibt kurz stehen, zeigt ihre leeren Hände. Die Krähen rufen auffordernd, die Frau lächelt. Ich bin mir böse, dass ich es nicht wage, sie anzusprechen. So gerne hätte ich auch ihr zum Abschied kurz zugewunken, in der Gewissheit, im selben Raum zu sein.

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Überall Läden und Geschäfte. Man guckt rein, man guckt raus. So viel Kram, den man kaufen kann. Mich überfordert das. Gerne wäre ich jemand, die über ihre Kleidung etwas Eigenes kommuniziert, das Ich und das Bild in einen lesbaren Einklang bringen kann, aber meine Güte, dann komme ich ja zu nichts anderem. Der Aufwand ist mir entschieden zu hoch (und zu teuer). Schon der Kauf einer Baumwollmütze ist hier mit persönlicher Interaktion verbunden, die mich meiner halben Tagesenergie beraubt. Ich trete in den kleinen Hut-und Mützenladen, es läuft SEHR laut James-Bond-Musik. „Toll, wah, kannma an sonnem Samstag stundenlang hören, odda?“ werde ich begrüßt. Ich will eigentlich sofort flüchten, traue mich aber nicht. Der weißhaarige Verkäufer im Rentenalter tritt hinter dem Tresen hervor und will mich beraten. Er schreit, weil die Musik ja so laut ist. „Wat suchste denn?“ Ich beschreibe eine Baumwollmütze. Er schaut sich um, kennt sich in seinem eigenen Laden nicht aus, weil, wie er erklärt, „die Mädels“ ihm alles durcheinander gebraucht haben. Von meinem Wunsch überfordert, schwenkt er aufs Wetter. „Kalt jeworden, wah?“ sagt er auffordernd. Wir spielen vier, fünf Minuten Wetter-Ping-Pong, bevor ich eine grüne Baumwollmütze finde, die mir gefällt. Ich nötige ihn dazu, mir die Mütze zu verkaufen, während er immer neue Themen findet, um mich im Laden zu halten („Die habbisch auch in Wolle, is für’n Winter vielleicht bessa“). Dann bin ich auch noch so leichtsinnig, einen anderes Geschäft zu betreten, das ausschließlich Alpakawollartikel führt. To cut a long story short: Die Inhaberin erzählt mir ALLES über die Vorzüge von Alpakawolle, erläutert mir verschiedene Stapel mit unterschiedlichen Rabatten, leitet dann über auf ihr Leben im Allgemeinen, und besonders den Aspekt, dass sie viele Jahre lang in Bolivien unter Alpakas gelebt hat, kommt dann zu einem anderen Kunden, der erwartungsvoll herumsteht und nur auf seinen Einsatz gewartet hat. Er ist Kameramann, hat etliche Natur-Dokus für die ARD gedreht, natürlich auch in Bolivien, und er trägt fast nur Alpaka-Kleidung, jedenfalls im Winter. Ich verabschiede mich freundlich, um von Frau Alpaka am Ärmel festgehalten zu werden, damit sie noch die letzte Meldung los wird: „Seit dem Frühjahr mache ich nur noch Räumungsverkauf, ich bin jetzt 83, es muss ja auch irgendwann mal Schuss sein“.
Wenn ich mich so umschaue, in diesem Berlin, all die herausgeputzten, gestylten, extrovertierten Leute sehe, denke ich: Die brauchen alle Publikum, alle.

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Wobei es auch Darsteller gibt, die ihr Publikum nicht suchen, aber in mir finden. In dem Viertel, in dem wir untergekommen sind, hip und gentrifiziert, gibt es ein städtisches Gymnasium. Nachmittags um vier öffnen sich die Tore und die Schülerinnen und Schüler strömen auf die Straße. Es ist mir eine unbeschreibliche Freude, zu sehen, dass sicher 90 Prozent Migrant:innen sind. Ja, so soll es sein! Die Hochhäuser am Kottbusser Tor sind nah, die Markthalle Neun, in der die Tomaten 12 Euro das Kilo kosten, liegt in Gehweite des Marktes am Landwehrkanals, wo ich bessere Tomaten für 2,50 Euro pro Kilo bekomme, plus einen ganzen Beutel mit Pflaumen: „Komm, nimms du Pflaumen auch, ein Euro mehr, und du hast schöne Pflaumen.“

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Eine brachiale Energie ist allgegenwärtig, der Wille zur Veränderung, zum Widerstand, Ideen und ihre unumwundene Umsetzung wuchern wie ein nicht enden wollender Brei durch die Straßen. Es gibt sogar noch öffentliche Telefonzellen! Und jemand klebt Fotos an die Wand, einfach so. Und überall Kneipen, Cafés, Imbisse. Die Leute essen pausenlos im öffentlichen Raum, in jedem zweiten Haus wird gekocht, gebraten, Getränke aufgebrüht, serviert. Alle sind Gast, alle sind auf der Straße, alle sind immer überall, nur nicht zuhause in ihren vier Wänden, könnte man meinen. Also, mein Eindruck, ich, die eigentlich immer in ihren vier Wänden ist, sogar auf der Straße in Berlin, irgendwie.

Berlin

Eine entspannte kleine Reise sollte es werden, Freund:innen treffen, eine Ausstellung anschauen, Falafel essen – und den Verpflichtungen des 60. Geburtstags entkommen (Sonntag). Berlin, früher ein häufig angefahrenes Ziel, auch beruflich, haben wir seit vielen Jahren nicht mehr besucht.

Da die Anreise mit dem Auto außerhalb jeder Diskussion ist (alles über drei Stunden Fahrt ist für mich Quälerei), hatte ich den Liebsten gebeten, die einzig durchgehende ICE-Verbindung zu buchen, die es ab unserer Kleinstadt gibt (immerhin).

Schon ca. sechs Wochen vor Reisebeginn geht es los mit dem Ärger. E-Mail-Benachrichtigung: Wegen umfangreicher Bauarbeiten (die der Bahn mit Sicherheit seit Jahren bekannt sind) werden ganze Streckenabschnitte unserer Reise gesperrt (also quasi das halbe Ruhrgebiet), unser Zug fährt eine Stunde früher, und auch nicht ab unserer Stadt, sondern ab der nächsten größeren Nachbarstadt. Die Rückreise wird noch komplizierter, da haben sie zusätzlich zu den jetzt schon absehbaren Verspätungen auch noch Ersatzverkehr mit dem Bus und grauenhafte Regionalbahnen eingeplant. Statt des durchgehenden ICE.

Nach einer (wegen beruflichem Stress und genereller Überdrehtheit) fast schlaflosen Nacht, stehen wir vor 6 Uhr morgens auf, trinken mit glasigen Augen einen Kaffee, verpacken die abends schon geschmierten Brote in den Rucksack und fahren mit dem Auto zum Bahnhof der Kleinstadt (dort kann man gut parken und hier kommen wir, wenn alles gut geht, auf der Rückreise auch wieder an). Dort steigen wir in ein am Tag vorher gebuchtes Taxi, weil wir nicht darauf vertrauen wollen, dass die sieben Minuten zum nächsten Bahnhof zuverlässig mit einem Regionalzug geschafft werden können. Kostet uns 30 Euro. ICE ist bereits bei der Abfahrt verspätet und müht sich dann, oft im Schritttempo, über Neben- und Güterstrecken nach Osten. Immerhin, wir kommen in Berlin an. Und auch in unserer Ferienwohnung, die im sagenhaft großartig umgebauten alten Urban-Krankenhaus liegt.

Nach der Ankunft ein kleiner Erkundungsrundgang. Wir geraten gleich in die Ecke von Kreuzberg, in der das uns aus der Arbeit vertraute Klientel auf der Straße herumsteht. Als ich den Fotoautomaten knipse, ruft die Frau, die mit ihren Kumpels rechts davon campiert: „Ey, Skotti, zieh ma die Hose hoch, wirste fotografiat von de Dame da drüben“.

Eigentlich ist noch alles da, was ich mit Berlin verbinde, die dicken Granitplatten auf dem Gehsteig, die riesigen Häuser, das Durcheinander, die Nebelkrähen, die schönen (morgen Erdnüsse kaufen!). Und doch hat sich viel verändert. Sehr auffallend sind die coolen Mütter und Väter mit ihren coolen Kindern. Das Selbstbewusstsein läuft ihnen aus den Ohren heraus. Fröhlich strampeln sie auf ihren Lauf- und Fahrrädern über die Gehwege, bei Bäcker bezahlt die Mutter vor mir den bestellten Kuchen für den Kindergeburtstags, 128 Euro.

Leider verpassen wir sowohl PJ Harvey als auch Patti Smith um ein paar Tage. Aber, aber. Es ist ja genug los, hier.

our first fallen leaf of autumn, marking the beginning of this solemn season of change and transition

Nächte mit wacher Unruhe und dunkle Erschöpfung prägen die Woche. Die Zeit in Wales eine entfernte Erinnerung. Meine Arbeit macht mich wütend. Nach acht Stunden am Schreibtisch tun mir die Knochen weh wie nach einer langen Krankheit. Die Nerven sind roh und überspannt. Ich keife den Liebsten wegen Kleinigkeiten an (Rasen falsch gemäht). Ich hasse die Briefträgerin. Es ist fruchtbar. Ich könnte Sie stundenlang damit unterhalten, wie bizarr und irre unser Sozialsystem inzwischen ist. In einem Würgegriff bar jeder Vernunft führt jeder gute Gesetzeswille immer nur noch tiefer in die Ungerechtigkeit*. Ich heule vor Erschöpfung und bin inzwischen zu großem finanziellen Verzicht bereit, um nicht mehr als Anwältin der Ärmsten in dieser Knochenmühle schuften zu müssen. Es ist eine politisch sehr feige, egoistische Haltung. Ich fühle mich alt. In wenigen Tagen werde ich 60.

Um mich an zarte, aber trotzdem auch endliche Dinge zu erinnern, erreicht mich (und wahrscheinlich 40.000 andere subscriber) die Nachricht von Patti Smith, dass ihre Katze gestorben ist. „Cairo died in the early hours of September 23rd, shepherded by my daughter, Jesse Paris Smith“. In einer weiteren Nachricht schreibt die Tochter: „Our dearest abyssinian, Cairo, has now departed this Earthly realm, nearly half after midnight, the morning of September 23rd at the senior age of 21 years old, very nearly 22, and written in the Farmer’s Almanac to be the equivalent of 104 in human years. The autumnal equinox took place that same morning at 2:50am, and so she is now our first fallen leaf of autumn, marking the beginning of this solemn season of change and transition“.

Wir, K. und ich, sind wieder in unserer Dachwohnung auf dem Dorf. Leise schleichen wir die Treppe hoch, um nicht von den Nachbarn abgefangen und mit freudigen Erzählerwartungen konfrontiert zu werden („Wat hab’ta erlebt? Wie jeht et euch? Hier is viel passiert!“). Wir schenken der Küche eine schöne Birne. Wir freuen uns an dem alten Nest, mit den Federn, dem kleinen Schädel und dem getrockneten Junikäfer darin. Die Freundin, die während unseres Urlaubs ein paar Tage hier verbracht hat, sagt, die Wohnung sei ein Museum.

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Zuhause habe ich noch eine Stiege Äpfel gepflückt, an der Obstbaumallee, die Bäume stehen allen Bürger:innen zur Verfügung. Es sind ganz alte Sorten dabei, Schafsnasen, der Schöne von Brempt, der Blaue Kölner (nicht im Bild). Die Äpfel duften herrlich. der Apfelkuchen auch.

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Wenn gar nichts anderes geht, versinke ich schon mal in eigenen Blogbeiträgen, um mir zu versichern, dass mein Leben alles andere als trostlos ist. Heute lande ich auf einem Beitrag vom 7. Dezember 2016. K. und ich hatten gerade das Haus gekauft, in dem wir inzwischen leben. Gut erinnere ich mich an die große Furcht, die mit dieser Entscheidung verbunden war. Völlig vergessen hatte ich den schönen Traum:

K. und ich sind im leeren Haus, es ist Nacht, und es sind etliche unserer Freunde da. Wir übernachten dort mit Schlafsäcken auf dem Fußboden. Im Zimmer steht ein riesigen Karton, in dem ein Tier ist, das wir nicht sehen. Im Zimmer läuft ein kleiner Dachs frei herum. Als nachts alle schlafen, mache ich die Terrassentür auf, der kleine Dachs lauft sofort raus und mischt sich unter hunderte (!) von Tieren, die im Garten herumlaufen (auch kleine Elefanten). Aus dem Karton kriecht vorsichtig ein großer Fuchs, der auch nach draußen trottet. Ich wecke alle, wir sehen den Tieren zu und sind sehr glücklich.

Mitte der kommenden Woche fahre ich nach Berlin, Ferienwohnung in Kreuzberg. Die letzte Reise dorthin ist schon lange her. Wahrscheinlich ist mir dort alles zu viel und ich gehe nur in den Zoo und halte mir den Rest der Zeit die Ohren zu. Für Sonntag haben die Freunde einen Geburtstagsausflug für mich geplant, ich soll Badesachen mitbringen.

* Zum Beispiel: Viele Empfänger:innen von Sozialleistungen haben einen uralten Kühlschrank oder Herd, der entsprechend viel Strom frisst. Anrecht auf einen neuen haben sie nicht, auch wenn das Gerät kaputt geht. Sie müssen so lange sparen, bis sie genug Geld für etwas Neues zusammen haben. Letzte Woche dann gab es plötzlich die Information, nicht offiziell, sondern mehr oder weniger unter der Hand, dass es ein „Stärkungspaket NRW gegen Armut“ gäbe, die Sozialämter und Jobcenter hätten Gutscheine für neue Elektrogroßgeräte. Ohne Prüfung, ohne Rückfragen, einfach so, hatte ich plötzlich etliche Gutscheine à 600 Euro für Herde, Kühlschränke und Waschmaschinen in der Hand. Ob meine Klienten wirklich neue Geräte brauchen, interessiert keinen, Hauptsache die Gutscheine sind verteilt und die Stadt kann sich damit brüsten, etwas gegen Armut getan zu haben. Wenn nächste Woche bei Großfamilie H., vier kleine Kinder, die Waschmaschine kaputt geht, interessiert das keinen mehr beim Sozialamt.

immer, immer

That silly wind will soon begin and I’ll be on my way
Going home to stay, going home to stay
(Bob Dylan: Gotta Travel On)

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So anstrengend und verspätet wie der Hinflug und die Suche der Autovermietung in Manchester war, so entspannt und problemlos ist die Rückreise. Der Fahrer des shuttles-Busses der Autovermietung verabschiedet uns wie gute Freunde, gibt uns die Hand und wünscht von Herzen a save journey. The kindness of strangers, brightens up the whole day. Im Flugzeug höre ich über Kopfhörer das neue Album von PJ Harvey, I Inside the Old Year Dying, was ganz wunderbar ist, über den Wolken.

Wir erreichen unser kleines Haus kurz vor Sonnenuntergang, sehen noch, dass der Garten nicht so sehr unter der Hitze gelitten hat, wie befürchtet, alles ist grün, zugewachsen, friedlich.

Was für ein Glück der Garten ist. Nicht nur in geschlossenen Wänden leben zu müssen, sondern immer, immer, nach draußen gehen zu können, den Morgen riechen, die Bäume hören, sich über Regen freuen.

Wir können noch etwas auf der Terrasse sitzen, ankommen, in die Nacht hinein hören. „Wir sind wieder da“ flüstern wir ins Dunkle, in Richtung der Igel, „Na, ihr Racker!“ rufen wir den Dohlen zu, die in der Kiefer schon ihren Schlafplatz bezogen haben und leise miteinander quasseln.

Am nächsten Tag ist Arbeitstag. Ich finde 164 E-Mails, 59 Briefe und das Telefon klingelt ohne Unterlass. Der Koffer bleibt unausgepackt. Erstmal die Aufgeregten beruhigen, den Klagenden zuhören, die dringendsten Anträge stellen, zivilrechtliche Strategien besprechen, um Fristverlängerung bitten. Der Liebste beendet seine AU-Zeit und geht wieder arbeiten, da die Rentenversicherung immer noch nicht über seinen Antrag auf Erwerbsminderungsrente entschieden hat. Er findet über 1.000 E-Mails. Ich leide mit ihm. Und dann Abendessen kochen, etwas im Sessel liegen, ein Glas Wein trinken.

Mit dem Freund telefonieren. Er berichtet konfus von seiner Woche. Vor wenigen Tagen ist einer seiner 10-jährigen Schüler von einem LKW-Fahrer übersehen und tödlich verletzt worden. Da hat man als Kunstlehrer auch keine sinnvolle Erklärung für die Klasse, die nun verständnislos auf den leeren Stuhl schaut. Furchtbar.

Nicht so sehr auf morgen hoffen, sich mit dem Glück drehen, wenn es in Form von schönen Dahlien in meine Richtung schaut. Die Tomaten ernten, die wir Gartenlaien im Mai gepflanzt haben. Zu unserer Überraschung sind es nur perlengroße, süße Tomätchen.