Konzertmitschnitt

Beim Aufräumen wiedergefunden, ein kleiner Zeitungsausschnitt mit einem Bericht über ein Bob Dylan Konzert am 27. Juni in Phoenix, AZ. Mister Dylan spricht (was er ja nicht oft tut):

„Thanks everybody, you’re too kind… You know, I was talking to Neil Young yesterday (audience cheers at the mention of Young) and he said Bob, you just can’t hear cool music on the radio anymore…, and I says to Neil, I says Sure you can. You just... (a decent pause) you just need to stick your radio in the refrigerator.

Tomaten und Pflaumen werden besser, die Welt nicht

Sonntagmorgen im August, Regen, kalt. Sehr schlechte Laune. Ich verpasse gerade die beste und interessanteste Veranstaltung auf dem Land: ein Treffen der Züchter Altdeutscher Hütehunderassen (mit Vorführungen) bei „unserem“ Schäferehepaar. Warum? Weil die Welt im Lärm zu Grunde gehen wird, weil der Nachbar unseres Dorfhauses ausgerechnet an diesem Wochenende seine Hochzeit feiern muss. Unheil verkündend sahen wir schon am Freitag Getränkewagen, Miettoiletten, Lautsprecher etc. auf dem Hof. Mit Bum-Bum-Musik, Gegröhle und anderem Höllenlärm bis in die frühen Morgenstunden war zu rechnen. Erfahrungsgemäß geht das durch 50 cm dicke Bruchsteinmauern. Also haben wir am Samstag unseren Kram gepackt und sind frühzeitig nach Hause gefahren, wütend, enttäuscht. DSC06411Um dann nahtlos in den nächsten Folterkrach zu fallen: Deutscher Hip-Hop, live, in ohrenbetäubender Lautstärke, auf einem Platz hier im Viertel. Umsonst & Draußen, die verschnarchte Stadt will etwas für die Jugend tun, ich finde keine Worte für meine Wut.
Inzwischen ist es Sonntag, 10:33 Uhr, und um 11 Uhr geht es dann mit fröhlichem Opa-Jazz weiter. Große Bühne im städtischen Park, keine 100 Meter von unserer Wohnung entfernt, gigantische Lausprecher, die die ganze Stadt beschallen, die Leute kommen mit Picknickdecken und karnevalistischer Laune.

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Der Sommer fast vorbei, die Hortensien verfärben sich schon, Tomaten und Pflaumen werden besser. Es lohnt sich nicht, jetzt noch eine neue kurze Hose zu kaufen, die alte, verschlunzte muss reichen. Ansonsten ungefähr 430 Mal am Tag an das gekaufte Haus denken, etwas tun wollen, mit dem Aussortieren beginnen. Dabei fallen mir alte Flugblätter die die Hände, die Zeiten, als es noch ernsthaft besetzte Häuser gab und man sich vor der Demo die Telefonnummer des EA auf den Arm schrieb.

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Und immer Krieg. Vor einigen Wochen bei einem Waldspaziergang auf die Überreste von Westwall-Bunkern gestoßen. Beton und Stahl sind auch nach 70 Jahren noch nicht vom Moos verschluckt. Diese Geschichte erzählt sich jeden Tag. Füchse und Dachse wohnen jetzt in den unterirdischen Kammern.

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Parallel dazu die hervorragende TV-Serie Manhatten sehen. Etwa zur gleichen Zeit, in der diese Bunker gebaut werden, denkt man sich in Los Alamos die Atombombe aus. Die Serie ist faszinierend genau, sie bleibt auch formal in der Zeit, tastet sich langsam an ethische Fragen heran. Mal sehen, wohin die zweite Hälfte der Staffel führt. Es ist jedenfals beunruhigend, wenn man so nah an den Figuren ist, dass man ihnen Erfolg wünscht.

die junge Amsel

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DSC06372Ein grandioses Wochenende auf dem Land, sogar das Dorffest mit Dauerblasmusik kann zu großen Teilen ignoriert werden (wieso man ein Naturschutzgebiet mit so einem Krach feiern muss, über zwei Tage, wird mir trotzdem ein Rätsel bleiben).

Die Schafe nehmen das alles sehr gelassen, auch andere Tiere wissen die Sonne und das reife Getreide zu schätzen (links Großes Heupferd, rechts Warzenbeißer und Blindschleiche).

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Und während K. und ich am Samstag nach einer längeren Wanderung sonnenmüde und weißweinfroh im Garten sitzen, hüpft auf einmal diese junge Amsel um uns herum.

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Sie scheint keine Scheu zu haben und läuft immer wieder unter Tisch und Stühlen hindurch, frisst hier ein paar Ameisen, erbeutet dort einen Regenwurm. Wir sind begeistert, verhalten uns sehr ruhig – und haben nach kurzer Zeit den Eindruck, dass mit dem Tier etwas nicht in Ordnung ist. Der Vogel fliegt nicht und macht einen zunehmend erschöpften Eindruck.

DSC06348Er bleibt dann einfach sitzen und macht die Augen zu. K. bringt ihm Wasser in einer kleinen Schale, das er aber nicht anrührt. Wir sprechen mit ihm. Ich nehme die große Schaufel und grabe den Rasen um, auf der Suche nach Regenwürmern. Ich finde sechs, sieben und bringe sie dem Vogel. Er frisst sie sofort und wir sind ganz stolz. K. geht in die Küche, puhlt Blaubeeren aus dem Kuchen, wäscht sie und bietet sie dem Vogel an. Er frisst die Beeren. Wir liegen neben dem Vogel im Gras und sehen ihn an. Was können wir tun? Was ist ihm widerfahren? Mehr Regenwürmer, er frisst, wie froh wir sind. Mit Lehm und Erde beschmiert suchen wir im Internet nach Hinweisen. Der tierärztliche Notdienst ist 50 Kilometer entfernt. Und wäre das richtig? Den Vogel mit Menschenhänden zu fangen, in eine dunkle Kiste zu setzen und ihm die Höllenfahrt im Auto zuzumuten? Was für eine Überhöhung der eigenen Bedeutung. Die Natur sieht tote Vögel vor. Das ist der Plan. Sonst gäbe es nicht jedes Jahr so viele Neue. Es hat uns niemand eine kranke Amsel gebracht. Sie hat auch nicht bei uns Zuflucht gesucht. Sie erwartet nichts von uns. Wir sind nur zufällig bei ihr. Sehen, wie sie atmet, wie sie immer mal wieder ein paar Schritte geht, wie schön ihre Federn sind, wie perfekt das ganze kleine Wesen, am Schnabel noch Reste des gelben Kükenmauls.

Mit den besten Wünschen für die Nacht lassen wir die Amsel abends alleine. Am Morgen sitzt sie still unter einem Busch. Aufgeplustert, das kleine Tier atmet mit geschlossenen Augen. Noch bevor wir einen Kaffee trinken, grabe ich hastig nach Regenwürmern. Sie frisst nicht. Nach dem Frühstück geht K. zu ihr, dreht sich zu mir um und sagt: Sie ist umgefallen, sie ist tot. Ich weine so sehr, wie in dem Moment als mein Bruder mir im letzten Jahr gesagt hat, dass Papa tot ist. Es ist die Erinnerung daran, dass es etwas sehr Rohes, Tiefes in unserem Leben gibt, eine wuchtige Endgültigkeit, etwas Schockierendes, das immer da ist, immer. Wir legen die junge Amsel in die Erde und decken sie zu.

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burning down the house

Die vor Jahrzehnten auf einem Flohmarkt gekaufte Nähmaschine leistet weiterhin gute Dienste. Sogar die Sandalen kann ich heute damit flicken. Bin schon ein bisschen spät dran, ein beruflicher Termin, jetzt aber schnell. Als ich zurück komme, höre ich schon an der Wohnungstüre ein ratterndes, lautes Geräusch. Auf dem Tisch steht die Nähmaschine und näht hämmernd in einem apokalyptischen Galopp, aus dem Pedal am Boden steigt Qualm auf, es stinkt. Ich denke, der Zimmerbrand hätte keine zehn Minuten mehr gewartet. Burning down the house.

DSC06328Vielleicht hat ja der kleine Bär die durchgedrehte Maschine im Zaum gehalten. Ich hatte die schöne Holzschnitzarbeit in Brüssel in einem Schaufenster gesehen, habe mir den Kauf (wie so oft…) nicht erlaubt (wir wollen doch umziehen! nicht so viele Dinge!), und bin dann durch Zufall ein zweites Mal dort, kein Bär mehr im Schaufenster, aber im Laden fiel er mir dann in die Finger, kein Zufall (wie so oft).

CCI11082016_00000Eine schöne Anzeige in der Süddeutschen Zeitung, was wird wohl aus den Pferden? Vielleicht dürfen sie ja bleiben, auch wenn sie müde sind. Müde wie ich, die seit Wochen keine Nacht durchschlafen kann, weil die Hormone verrückt spielen, von einer Angstflut geweckt findet man sich schweißgebadet unter den Laken wieder, soll angeblich normal sein.

Bei der Arbeit schwierige Fragen, keine Antworten, keine Lösungen. Darf man jemanden, der nicht mit uns kommuniziert, einsperren, weil man ihm eine Straftat zutraut? Rufen Sie nicht zu laut Nein, es könnte ihre Tochter sein, die angsterfüllt erzählt, wie sie von Herrn F. verfolgt wurde.

The curfew had been lifted and the gamblin‘ wheel shut down,
Anyone with any sense had already left town.
He was standing in the doorway lookin‘ like the Jack of Hearts.
(Bob Dylan)

bières, vins et cocktails des plus raffinés

Wieder mal viel in Brüssel herumgelaufen, immer darauf gefasst, dass einem in dieser verrückten Stadt jemand aus einem Gullideckel an den Fuß greift. Oder dass Gott aus einer Waschmaschine herausklettert. Im Justizpalast ganz, ganz hinten, neben der Besenkammer, ein Foto der jungen Königin.

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Im neuen Eisenbahnmuseum Stunden verbracht, die Ausstellung ist schlecht beleuchtet und hervorragend konzipiert. Man sieht sich selbst mit der kleinen Reiseschreibmaschine im TEE reisen, und im Waggon der Briefsortierer hört man plötzlich die Briefe sprechen, „Ihr Lieben Zuhause,...“.

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Auf dem Weg ins Hotel schallt aus einer Türe Jazz auf die Straße, wir werden hineingezogen und sitzen unversehens in einer Institution, in der schon Nat King Cole, Miles Davis und Jacques Brel gespielt haben. Verändert hat sich dort anscheinend nichts (Foto: Waschbecken Damentoilette).

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Übermüdet und schon völlig wirr im Kopf führt trotzdem kein Weg am Flohmarkt am Place de Jeu de Balle vorbei. Es ist wie immer ein singender, brummender Berg aus Wertsachen und Müll, viele Haushaltsauflösungen, an einem Stand die Gerätschaften einer Arztpraxis vom Anfang des letzten Jahrhunderts (Metallspritzen, kleine Sägen, auch drei Kisten mit handbeschrifteten Tinkturen), an einem anderen die Erinnerung an einen kleinen Hund.
K. kauft in einer schwachen Minute die Urlaubsdias einer Familie, 1948 bis 1952, in Farbe, Afrique du Nord, Foret Noire, Athénes, 18 kleine dottergelbe Kodak-Päckchen.

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Brüssel

DSC06181Nach der Unterschrift unter dem Kaufvertrag für das Haus drei Tage gemeinsam mit den britischen Freunden in der vertrauten Brüssel-Stadt. Alles könnte besser nicht sein: ruhiges Hotel, sonniges Wetter, alle sind freundlich und guter Laune. Überall in der Stadt bis an die Zähne bewaffnete Soldaten, die auf uns aufpassen. Wir laufen durch die Stadt, stundenlang, K. erzählt begeistert, die Freunde verstehen unsere Brüssel-Liebe sofort und arbeiten an ihrer beer tasting list. Nur ich werde immer stiller, mir ist das alles zu viel zu viel zu viel, ich stottere nur noch halb verständliche Sätze in grauenhaftem Englisch und falle am dritten Abend in einen kleinen Nervenzusammenbruch. K., mein Kapitän, lotst mich sicher aus der Situation heraus und setzt mich auf eine ruhige Bank an einem Platz. Dort trinken wir beide ein Dosenbier und schauen den jungen Menschen zu, die dort Basketball spielen. DSC06296

Der Platz liegt zwischen der Rue Antoine Dansaert, teuer & trendy, und dem berüchtigten Molenbeek-Viertel. Weiße und schwarze Jugendliche treffen sich dort, man spielt drei gegen drei, in beiden Teams jeweils auch eine Frau, eine Afrikanerin, eine Araberin, beide spielen extrem gut, die Männer sind voller Anerkennung. Überhaupt scheint es wenig um den Punktsieg, und mehr um die Freude am Spiel zu gehen. Dass dies möglich ist, keine 50 Meter vom Luxus links und dem muslimischen Viertel rechts entfernt, erfüllt uns beide mit Trost und Zuversicht.

Carbamazepin 300 mg: 1-0-1-0, Levomepromazin 25 mg: 0-0-0-1, Promethazin 100 mg: 0-0-0,5-1,5, Proneurin 25 mg: 0-1-0-0, Risperidon 1 mg: 1-0-0-0, Temazepam, 20 mg: 0-0-0-1

Die Leute, mit denen ich zeitweise beruflich zu tun habe, sind oft überraschend feinfühlig, wenn es um Stimmungen und Zwischentöne geht. Frau B. fragt mich besorgt „Haben Sie Stress? Sie klingen so abgewürgt“. Ich erzähle ihr von unserer Hauskaufentscheidung. Sie ist sofort begeistert: „Machen Sie das, dann kann ich bei Ihnen einziehen!“ Gerade in solchen Situationen fällt mir auf, wie lächerlich meine angeblichen Probleme sind. Frau B. gekommt vom Jobcenter kein Darlehen für eine gebrauchte Waschmaschine („1-Personen-Haushalte können ihre Wäsche von Hand waschen“), ich unterzeichne am Mittwoch einen Vertrag über eine Summe, von der Frau B. 500 Monate leben muss. Gleichzeitig sieht das tolle neue „Rechtsverschärfungsgesetz“ seit heute eine Ausweitung der Bußgeldvorschriften für Frau B. und alle anderen vor: Es kann ein Bußgeld in Höhe von bis zu 5.000  Euro verhängt werden, wenn Tatsachen nicht, nicht richtig, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig angegeben werden (§ 63 Abs. 1 Nr. 6 i.V.m. Abs. 2 SGB II neu). Es ist meiner Erfahrung nach so gut wie unmöglich, einen Jobcenter-Antrag vollständig auszufüllen. Das nur nebenbei.

Zizi, die Schöne, erzählt gestern Abend bei Wein und Lammfleisch, dass ihre Schwestern in Sao Paulo kaum mehr wissen, wovon sie ihre nächste Mahlzeit bezahlen sollen. Früher habe ein Kilo Bohnen umgerechnet nur Cent-Beträge gekostet, heute sind es 5 Euro.

Zur Erholung ein paar bewegte Maschinen von Herrn Tinguely, dem wunderbar Wahnsinnigen:

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weiter

DSC05992Jetzt schnell die Kurve kriegen, weglaufen, die Ohren anlegen und hoffen, dass übermorgen keine Rede mehr vom Hauskauf ist? Oder sich an den Liebsten lehnen, der zuversichtlich ist und sich freut? Wie soll das alles in meinem Kopf Platz finden: Zwei Jahre Häuser angeschaut, auch für dieses schon mehr oder weniger eine Absage bekommen, dann ein Treffen mit der Eigentümerin und nach 20 Minuten verspricht sie uns strahlend ihr Haus. Entwurf des Kaufvertrags schon heute im Briefkasten. Alle freuen sich mit uns. Die Frau vom Denkmalamt sagt: „Das ist ein schönes Haus und Sie sind die besten Käufer, die wir uns haben wünschen können“.

DSC06126Gestern noch war ich in der Lage, mir Muster von Linoleumböden anzuschauen. Heute ist mir alles so dumpf-unheimlich, dass ich erst einmal den Kühlschrank abtaue und auswasche. Immerhin hat K. gestern im Garten des Hauses Eichhörnchen gesehen, und ich Krähen und Dohlen. Und wir könnten richtig laut Musik hören. Und am Tag des Denkmals eine kleine Ausstellung machen. Und es gibt einen Birnenbaum. Und die Furcht vor jeder Veränderung, not to depend on anything beyond your control, aber es soll ja auch irgendwie weiter gehen, und weiter geht es nur mit frischem Mut und Anstrengung. So eine Irrsinnsentscheidung für ein Haus unter Denkmalschutz mit Sanierungsbedarf passt ja auch irgendwie zu uns, die wir kaum je einen Schraubenzieher in die Hand nehmen.

schrrrooonk, schrrrooonk

DSC01244Wie schön der Schatten auf dem Kuhrücken. Planlose, zwecklose Schönheit. Während die Menschen sich gegenseitig Metallstücke in die Körper jagen oder sich selbst das Leben nehmen in Krankheit.
Das junge Pferd, mit sommerdünnem Fell, unter dem man jede Sehne spürt, hält seinen großen Kopf still, weil ich ihm mit den Fingern die Fliegen aus den Augen streiche, ganz vorsichtig, von oben nach unten, und das Pferd ist still und nah.

DSC06123Die von den jungen Eulen ausgespuckten Knochen von Mäusen und Jungvögeln reinigen und auf den Arm legen. Chris Packhams Biographie zu Ende lesen: „Happiness, that’s it isn’t it, that’s the the big problem… because it’s the same old paradoxical recipe for misery. Over the years I’ve seen people’s cravings for stability yield squalor rather than sparkle, their too-easy contentment give them none of the excitement of a struggle against the odds, none of the allure of being plagued with uncertainty or teased by the appalling option of giving up. Their so-called happiness has turned out to be a promise of emotions and experiential poverty, and that’s why it, and contentment, must be avoided at all costs… and the fuel to assure that is dissatisfaction“.
Das alles sofort verstehen. Wie auch Philippe Starck, dessen Arbeiten ich gar nicht kenne, der im Interview im SZ Magazin sagt: „Mein Hirn macht nie Pause. Es macht die ganze Zeit schrrrooonk, schrrrooonk“ und „Nein, ich kann mit dem Konzept Glücklichsein nichts anfangen“.

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Morgen Termin mit der Eigentümerin des Hauses, das unser zukünftiges Zuhause sein könnte. Oder nicht.

ohne Golfschläger, ohne Theaterabo

DSC05988Morgens um 7 Uhr fährt der Computer nicht hoch. Auf schwarzem Bildschirm lediglich der Hinweis „error loading system“. Interessant: Ich rege mich bei weitem nicht so sehr darüber auf wie sonst. Die ganze verfügbare Aufregung ist in das Hausdrama geflossen, das derzeit wegen 14 Tagen Bedenkzeit der Eigentümerin auf Eis liegt. Oder besser gesagt, so gut wie entschieden ist, gegen uns. K. und ich hatten unabhängig voneinander mehrfach den Gedanken, dass uns ein so schönes Haus nicht zusteht, überhaupt ein eigenes Haus, uns Mietern, deren Eltern auch ihr Leben lang Mieter waren. Es wird zu wenig über gesellschaftliche Klassen geredet, auch von mir. Vorsichtig und höflich und kleinlaut, wie wir sind, haben wir uns bei den Besichtigungen an die Vorgaben gehalten, sogar den Makler blöd-naiv gefragt, was wir als nächstes tun sollten. Die anderen Interessenten indes haben forsch einen Ortstermin mit der Eigentümerin und dem Denkmalamt eingefädelt, ein Schritt, den wir nicht werden aufholen können. Der Besitzerin geht es nicht um Geld, sondern darum, dass das Haus weiterhin gepflegt wird und erhalten bleibt, und nicht vor die Hunde geht, mit Hippies wie wir es sind, ohne Golfschläger, ohne Theaterabo (Mitarbeiterin des Denkmalamtes: „So ein Haus zieht ja auch ein bestimmtes Publikum an, da muss man von der Denkmalpflege ein Auge zudrücken, wenn es um eine zusätzliche Garage geht. Sie können ja nicht im Winter Eis kratzen, wenn sie morgens los müssen“).

DSC05990Im Park, genau an der Stelle, wo wir vor ein paar Wochene beobachtet haben, wie die Eule einen Specht erbeutet hat, finde ich Specht-Reste. Die jungen Waldkauze sind fast ausgewachsen. Man sieht sie tagsüber hoch oben im Baum schlafen.

Boris fucking Johnson Außenminister.

Morgens bei einem Termin auf der Akutstation der Psychiatrie besteht die Hälfte der Patienten aus Flüchtlingen, die barfuß durch den Gang schluffen. Einer hat den Essensplan in der Hand und fragt mich mit Diazepam-verschleppter Stimme „What is for dinner, chicken?“ Ich versuche auf Englisch „Reibekuchen“ und „Königsberger Klopse“ zu erklären. „Klops-meat is pig?“ will er wissen. Ich frage den Stationspfleger. Er sagt „Kein Schimmer“.

Auf dem Rückweg mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs. Auf einer Seitenstraße sehe ich ein Kleinkind mitten auf der Straße herum hoppeln, dieser vornüberfallende Gang, gerade erst das Laufen gelernt. Oh-ha…!, denke ich, wo ist der Erwachsene? Und da steht sie auch schon, Zigarette im Mund und einen dieser modischen Mopshunde an der Leine, ein Welpe. „Jaaaaa, guck mal Ronnymausi, wo ist unsere kleine Mia-Zuckerschnauze?!“ brüllt sie dem Hund in die Ohren, der wie blöd an der Leine zieht und nicht mit dem Schwanz wackeln kann, weil man ihm den abgeschnitten hat. Mia kreischt und gackert vor Vergnügen und läuft nun mehr oder weniger rückwärts, Hundebaby und Mama im Blick, über die Straße. Ich stehe fassungslos daneben und schaue mir das an. Bisher hat mich nur der Hund wahrgenommen. „Sie sollten Ihr Kind nicht so über die Straße laufen lassen“ sage ich in Richtung Mutter, als ein Auto kommt. Das Auto muss anhalten, weil das Kind weiterhin auf der Straße ist. Auf dem Bürgersteig, wo Mutter und Hund stehen, klingelt ein Mobiltelefon. Mutter nimmt das Gespräch an, brüllt „Ich ruf gleich zurück, ich muss hier mal was klären“ in das Gerät und wendet sich mir zu. „Kannste dich nicht um deine eigenen Angelegenheiten kümmern? Fahr doch einfach weiter, du Glotzkuh! Macht die so’n Aufstand, nur weil mal ein Kind ein bisschen läuft!“. Der Autofahrer hat inzwischen sein Fenster geöffnet und hört mit. Er sagt in Richtung Mutter: „Ich rufe jetzt die Polizei“. Daraufhin klemmt sich die Frau das Kind unter den Arm und dampft ab.

Für die Computerreparatur finde ich einen kleinen Laden. Abends ist alles wieder heil. Alle waren nett. Ich verschenke erleichtert frisch gekochte Erdbeermarmelade. Morgen wieder aufs Land. Alles ist so schnell vorüber.

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